Zeitungsartikel aus dem Mainecho vom 9.3.2019: Wir sind dann mal weg

Von Daphne Flieger

Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst, du nimmst all den Ballast, und schmeißt ihn weg …« singt die Band Silbermond in ihrem Song »Leichtes Gepäck«. Es ist ein Tag im August 2018. Die Familie von Timo und Christina macht ernst. Sie haben Freunde und Verwandte eingeladen. Es ist das große Abschiedsfest, der Tag, an dem sie aus ihrem eigenen Haus ausziehen werden. Die Räume sind leer. Fast alles haben sie verkauft, verschenkt oder gespendet, einen ganz kleinen Teil eingelagert. Was übrig bleibt, passt in die Rucksäcke und Beutel der vier. Selbst ihre Jobs lassen die Eltern hinter sich. Ein Jahr lang wollen sie reisen.

Zum Abschied Tränen

Dazu haben sie sich eine Genehmigung besorgt, um die Kinder selbst zu unterrichten. Die zehnjährige Mathilda und die achtjährige Paula übergeben ihrer Tante die Meerschweinchen. Dort werden die Tiere jetzt leben – inklusive des Stalls, den Papa Timo einst selbst gebaut hat. Es kullern dicke Tränen. Abschiedsgeschenke werden überreicht. Vom praktischen Kaffeebecher, der den Kaffee selbst aufbrüht bis hin zu Fotoalben. Auf einem steht: »Danke für die gemeinsame Zeit in Niedernberg!«

Die Reise beginnt – und somit das Abenteuer. Los geht es im Wohnmobil. Es ist das Zweite, das sie gekauft haben. Ihr erster Kauf hat bei den Testfahrten im Miltenberger Landkreis nicht überzeugen können. Die vier wollten, bevor es losgeht, testen, wie es sich anfühlt, auf so engem Raum zu reisen. Ziemlich nass, mussten sie feststellen, denn es regnete rein. Das neue Wohnmobil ist zum Glück dicht. Ihr Weg führt die vier nach Norddeutschland, in die Niederlande, Belgien, Frankreich, Spanien und Italien. Die Mädchen lesen Bücher wie die Weltmeister, natürlich in Form von leichtem Gepäck, auf E-Book- Readern. In jedem Land, das sie bereisen, lernen sie bis zehn zu zählen und einige Vokabeln. Die Eltern bemerken stolz, dass Paula vieles auf Englisch versteht und Mathilda mit neuen Bekanntschaften minutenlange Gespräche führt, als würde sie schon jahrelang üben. Die Wochen vergehen und in Europa wird es langsam kühl. Zeit, das Gefährt und somit auch den Kontinent zu wechseln. Die Familie fliegt nach Asien. Das Wohnmobil bleibt vorerst in Sardinien stehen.

Im thailändischen Koh Jum liegen die Mädchen am Pool und bearbeiten Arbeitsblätter. Die Reise wird zur Kombination aus Geografie- und Geschichtsunterricht. Spannend findet Mathilda, wie sich Mentalitäten der Menschen unterscheiden. Einmal vergisst die Zehnjährige ihre Zahnspange in einem Restaurant. Die Spange ist in eine Serviette eingewickelt gewesen und im Müll gelandet, was den Kellner nicht abhält, alles zu durchsuchen. »Das hätte in Deutschland bestimmt niemand mit so viel Hilfsbereitschaft gemacht«, erzählt Mathilda.

Doch es gibt auch Tage, da wünscht sich Mama Christina »das deutsche Gesundheitssystem zurück.« An einem dieser Tage führt sie ihr Weg ins thailändische Krankenhaus. Paula ist aus einer Hängematte gestiegen und dabei auf einen Skorpion getreten, der sie dann stach. Die Beule an ihrem Fuß ist fünfmal so groß wie ein Schnakenstich und schmerzt höllisch. Mit Antibiotikum und ein paar Tagen Geduld, ist aber auch dieser Spuk vorbei.

Zeit zum Nachdenken

»Wenn wir nicht mehr nach Deutschland ziehen nach dem Jahr, dann wollen wir nach Kambodscha«, sagen Mathilda und Paula übereinstimmend. Dort hat sich die Familie besonders wohl gefühlt und gut einen Monat verbracht. »Wir wissen sogar, wo wir den leckeren Bio-Joghurt herbekommen«, grinst Papa Timo. Fast fünf Monate sind die Weltenbummler jetzt fort. Ich treffe sie in Ho-Chi- Minh-Stadt in Vietnam wieder – wir fallen uns dort in die Arme. Braun gebrannt und glücklich sehen sie aus. Vermisst ihr nicht manchmal euer Haus?«, frage ich. »Nein«, die Antwort kommt abrupt aus Christinas Mund. »Und die Freunde und Familie daheim?« »Die auf jeden Fall, aber auch mit der Oma klappt Videotelefonie«, lacht die 44-Jährige.

Beim Reisen hat man viel Zeit nachzudenken. Christina wird zum Beispiel bewusst, wie sehr man sich über seinen Wohnort und den Job definiert. »Wir können jetzt beides nicht mehr klar benennen.« Ich reise mit der Familie über Da Nang und Hoi An bis hin nach Hanoi im Norden Vietnams. Die Mädchen packen routiniert ihre rosafarbenen Trolleys ein und aus. Timo hat immer die Gitarre dabei. Bei einem der beiden Inlandsflüge wird’s emotional. Paula hat ihr Taschenmesser im Handgepäck, aber das ist nicht erlaubt. Das Weihnachtsgeschenk landet in einem großen, gläsernen Müllkasten. Die Achtjährige weint um das Erinnerungsstück an die Heimat. Leichtes Gepäck, dem wird die Familie gerecht. Es ist nicht das erste Teil, was auf diese Weise verschwindet.

Das Heimweh ist natürlich immer mal wieder Thema, zum Beispiel auch, als die Töchter ihre Eltern bearbeiten, um mit mir nach Deutschland zurückzufliegen. »Wir können dann ja wieder hierher fliegen«, bettelt Paula, denn eigentlich gefällt ihr die Reise sehr gut. Später wird sie sich die gleiche Frisur wie ihre Freundin Jette schneiden lassen. Das machen Freundinnen auch über tausende von Kilometern hinweg.

Die endgültige Ankunft zuhause haben sich die Mädchen aber trotzdem schon in den buntesten Farben ausgemalt. »Da stehen dann alle mit Plakaten und weinen vor Glück«, erklärt Mathilda. Timo und Christina kämpfen an meinem Abreisetag mit ganz anderen Sorgen. Noch ist unklar, wohin es als nächstes gehen soll.

Loslassen

Zwei Tage Hanoi reichen völlig, denn die Luftverschmutzung ist förmlich auf der Zunge zu schmecken. Ich sitze im Flugzeug und will gerade mein Smartphone auf Flugmodus stellen, da blinkt eine Mail auf meinem Display auf. Sie ist von Timo. »Wir sitzen im Flugzeug neben dir, und fliegen um die gleiche Zeit ab wie du. Morgen sind wir in Singapur.« Ich bin überrascht, wie schnell sie das jetzt wieder entschieden haben. Vor einer Stunde war noch nicht mal ein Flug gebucht. Das geht eben nur ohne viel Materielles und Besitztümer: »Lass sie los, wirf’ sie einfach weg. Denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck.« Silbermond hat eben doch recht.

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1 Response

  1. Daphne says:

    Ich freue mich so, dass es so gut ankam. Habe auch viele Rückmeldungen bekommen ♥️

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